Die Krönungsfeierlichkeiten
Nach dem Tod eines Pharaos wurde das Land als Sonnenfinsternis
bezeichnet, als die Zeit, da sich „Re von den
Menschen trennt“. Da dieser Zustand eine Form
des Chaos bedeutete, war es nötig, dem Land schnell
einen neuen Herrscher zu geben. Kurz nach dem Ableben
Sethos’ I. fanden im dritten Monat der Sommerjahreszeit,
Tag 27, also Anfang Juni 1279 v.Chr. in der Hauptstadt
Memphis die Feierlichkeiten zur Thronbesteigung des
neuen Königs statt.
Ramses war damals ca. 25 Jahre alt und empfing schon
am frühen Morgen vor Sonnenaufgang im königlichen
Palast die für die Kulthandlung ausgewählte
Priesterschaft, Reinigungspriester, Vorlesepriester
und den Zeremonienmeister. Bedingung für das
große Ritual der Krönung war die kultische
Reinheit. Ein Priester, welcher die Rolle eines Gottes
spielte, goss aus einem Gefäß Wasser über
Ramses und sprach dazu die Worte:
„Ich reinige dich mit diesem Wasser voll jeden
Lebens, jeder Herrschaft, jeder Dauer, jeder Gesundheit
und Herzensfreude. Mögest du zahlreiche Regierungsjubiläen
feiern wie Re, ewiglich.“
Weggewaschen sollten alle Unreinheiten und alle Krankheitskeime
vom neuen Pharao sein, wenn er anschließend
mit dem königlichen Schurz bekleidet in den großen
Thronsaal des Palastes geführt wurde, wo der
Hofstaat und die königliche Familie versammelt
waren. Als Symbole der Machtübertragung und der
Legitimität salbte man dort den jungen Herrscher
mit heiligem Öl. Die Götter Horus und Seth,
dargestellt von zwei Priestern, krönten Ramses
mit der roten Krone Unterägyptens und sprachen:
„Wir lassen deine Würde als König
von Unterägypten dauern, du, der du auf dem Thron
des Horus erschienen bist.“
Dann setzte man ihm die weiße Krone Oberägyptens
auf das Haupt:
„Wir lassen deine Würde als König
von Oberägypten dauern, du, der du auf dem Thron
des Horus erschienen bist.“
Dann verkündete ein Vorlesepriester die Titulatur
des Herrschers:
Horusname:
Die beiden Herrinnen:
Goldhorus:
König von Ober- und Unterägypten:
Sohn des Re: |
Starker Stier, von Maat geliebt
Schützer Ägyptens, der die Fremdländer
bezwingt
Reich an Jahren, Groß an Siegen
Usermaatre
Ramses, geliebt von Amun |
Ramses selber fügte später dem Namen „Usermaatre“
noch „Setepenre“ hinzu.
Nachdem diese Namen verkündet waren, bestieg
der neue Herrscher den großen Thron aus Elektron
und der anwesende Hofstaat huldigte dem König,
indem er sich zu Boden warf und einen Hymnus auf die
jugendliche Kraft des Königs anstimmte. In einer
Zeremonie verband man die Wappenpflanzen von Ober-
und Unterägypten – Binse und Papyrus –
mit einem Hieroglyphenzeichen, welches das Wort „Vereinigen“
bedeutet. Symbolisch erhielt der König dadurch
die Herrschaft über beide Länder.
Nun verließ man den Palast und der König
schickte sich an, den Ritus des „Umlaufs um
die Mauern“ auszuführen. Dieser Lauf um
die Mauern der Stadt hatte in früheren Jahren
die physische Kraft und die Gesundheit des Herrschers
geprüft, war aber später zu einem symbolischen
Akt für das Besitzergreifen von Hauptstadt und
Land geworden. Der König lief auch nicht mehr
„um die Mauern“, sondern durchschritt
mit weiten, schnellen Schritten ein vorher markiertes
Gebiet. Nach dem „Fest des Diadems“, in
welchem dem neuen Herrscher das Stirnband-Diadem mit
den zwei hohen Federn und der Uräusschlange,
dem Machtemblem der Könige und Götter, auf
das Haupt gesetzt wurde, fand eine Prozession mit
Götterstandarten statt: Der König besuchte
alle Tempel der Stadt und ehrte die Götter des
Landes.
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