Die Schlacht von Kadesch

Das bedeutendste Ereignis der gesamten Regierungszeit von Ramses II. war die Schlacht von Kadesch! Es gab keine weiteren Erfolge oder Niederlagen, denn es finden sich keinerlei Beweise hierfür. Aber es ist auch unheimlich schwierig, diese Schlacht zu beschreiben, denn der Verlauf ist in Texten und Darstellungen relativ einseitig überliefert worden. Wissenschaftler, Literaten, Historiker, Strategen und Taktiker des Militärs haben zu allen Zeiten diese Schlacht untersucht und beschrieben. Es gibt keine antike Schlacht, die vor den detailliert verzeichneten Gefechten der griechischen und römischen Geschichte stattfand, die derart akribisch untersucht worden ist.

Als die meisten Tempelanlagen bereits errichtet waren oder kurz vor ihrem Abschluss standen, wurden Texte und Darstellungen dieser Schlacht angebracht. Die massiven Mauern und monumentalen Pylonen warteten nur darauf, mit Darstellungen verziert zu werden, die etwas anderes verkörperten als die gewohnten Abbildungen des Königs, der unterworfene Ausländer peinigte. Die Schlacht von Kadesch wurde in den bedeutendsten thebanischen Tempeln verewigt, die unter Ramses II. errichtet oder erweitert worden waren:

In Luxor am beeindruckenden Einganspylonen, in die Fassade des Pylonen und in die Außenmauern der Höfe;
In Karnak wurden die Außenwände des großen Säulensaals damit verziert;
Im Ramesseum, dem zukünftigen Totentempel Ramses' erhielten die gewaltigen Pfeiler der Pylonen ihre Versionen;
An den Außenmauern des Tempels in Abydos;
An der Nordwand der ersten Halle im Tempel von Abu Simbel (die bekanntesten Darstellungen überhaupt, da sie am intensivsten erforscht wurden);
Wahrscheinlich (da nicht belegbar) am Tempel des Ptah in Memphis und an Gebäuden in Pi-Ramses.

Die Vorgeschichte

Bereits Sethos I. machte deutlich, dass Interesse an Westasien bestand und er führte erfolgreiche Unternehmungen nach Kanaan und dem Libanon durch. In seinem 4. Regierungsjahr unternahm Ramses II. einen Feldzug gegen die Hethiter unter ihrem König Muwatallis, dem Enkel des großen Suppiluliuma. Ramses führte sein Heer an der Küste Palästinas entlang bis in die Nähe von Nahr e-Kelb, den "Hundsfluss" nördlich des heutigen Beiruts. Eine Stele, die er dort anbringen ließ, überliefert das Datum dieses Ereignisses. Allerdings ist der weitere Text so abgerieben, dass er nicht mehr lesbar ist. Erwiesen ist aber, dass dieser Feldzug - wenn auch nur mäßig - erfolgreich verlaufen ist und den Anschluss des Kleinstaates Amurru unter seinem König Bentesina an Ägypten brachte. Durch diese Aktion wurde Muwatalli deutlich gemacht, dass sich die Situation jederzeit zu seinen Ungunsten entwickeln konnte. Somit schlug er einen brutalen Kurs an, denn die Hethiter konnten es sich nicht leisten, eine Bedrohung zu ignorieren, die das weit entfernte Ägypten verkörperte. Beide Seiten waren sich darüber im Klaren, dass eine Konfrontation der Heere unvermeidbar war und beide Seiten bereiteten sich gründlich auf die Schlacht vor.

Die Truppenstärken

Ramses standen neben der eigenen Infanterie und den Wagenlenkern weitere Truppen zur Verfügung, die aus Kriegsgefangenen bestanden. In seinem fünften Regierungsjahr überschritt Ramses die Grenze bei Sile, um Kadesch zurück zu erobern, die zwar von seinem Vater Sethos I. eingenommen worden war, später jedoch wieder in die Hände der Hethiter fiel. Das ägyptische Heer bestand aus 20.000 Mann und war in vier Divisionen unterteilt, die nach den Göttern Amun, Re, Ptah und Seth benannt waren. Außerdem erwartete Ramses die Unterstützung von einer Streitmacht der Nearin, die an der Küste von Amurru formiert werden sollte. Die Bewaffnung bestand aus Pfeil und Bogen, Wurfspeere mit Metallspitzen, Äxte, sowie Dolche und Krummschwerter. Zum Schutz trug man einen nach oben leicht gewölbten Schild, einen kugelähnlichen Helm aus Leder und einen Brustschutz aus gestärktem Leinen.

Soldaten (1)

In Viererreihen marschierende Soldaten mit Schilden und Speeren

 

Waffen (1)

Bronzewaffen des Neuen Reiches.
In der Mitte das Chepesh-Schwert mit Inschriften Ramses II.
Dieses Schwert ist auf vielen Reliefbildern zu sehen, wenn es von Gott Amun-Re dem Herrscher überreicht wird.

Auf hethitischer Seite hatte Mutawallis etwas gigantisches unternommen: er wandte sich an alle Verbündeten und Vasallen. An seiner Seite kämpfte Naharin, der bedeutendste Verbündete der Hethiter. Unterstützung bekam er auch von Arzawa, Luka, Pidasa, Masa, Dardany, Keschkesch und aus dem östlichen Kleinansien kamen Streitkräfte aus Kizzuwadna. Fürstentümer, die nahe an Kadesch lagen stellten weitere Truppen und in Karkenisch und Ugarit formierten sich ebenfalls Verbände. Alles zusammen war ein überwältigender Zusammenschluss! Auf hethitischer Seite gab es drei Gruppen von Streitkräften, die sich aus 18.000 beziehungsweise 19.000 Mann sowie aus 2.500 Wagenlenkern formierten. Ob diese Zahlen jedoch genau stimmten, darüber gibt es keine zuverlässigen Dokumente. Andererseits gibt es keinen Grund, den ägyptischen Angaben zu glauben.

Der Weg nach Kadesch (3)

Bildquelle: Nationalgeographic, Ausgabe 1/2001
(Grafik wurde von mir verändert)

 

Der Aufmarsch der Ägypter

Der Vormarsch der Ägypter vollzog sich in Etappen und man marschierte grundsätzlich tagsüber. Die Entfernung vom östlichen Delta nach Kadesch betrug ca. 740 km und man legte täglich eine Wegstrecke von ca. 15 bis 20 Kilometern zurück und kampierte nachts in Zeltlagern, die von einem Wall von Schilden umgeben waren. Während dem Marsch bildeten Kundschafter die Vorhut, dann folgte der König mit seiner Leibgarde, dahinter dann die einzelnen Divisionen. Die Fußtruppen marschierten unbewaffnet, denn die Ausrüstungen wurden in einem Wagen mit geführt. Den Schluss der Streitmacht bildeten dann die schnell beweglichen Streitwagen. Jeder dieser zweirädrigen Wagen hatte zwei Mann Besatzung - einen Lenker, der auch Schildträger war, und einen Kämpfer. Die beiden Pferde vor dem Streitwagen des Pharaos hießen "Sieg von Theben" und "Mut ist zufrieden" und der Schildträger auf seinem Wagen hieß Menna. In seiner Nähe waren nicht nur seine Leibgarde, sondern auch der Wesir des Südens und sein Sohn Amunherchepeschef.

So marschierte die Armee nach Saron, auf der alten Küstenstrasse. Dort trennte sich dann eine kleine Einheit von Soldaten und bildeten eine Art Eingreiftruppe, die an der Küste bis zur Eleutheros-Mündung und dann vom Westen her nach Kadesch vorrücken sollte, während Ramses mit dem Gros der Armee über den Landweg dort hin marschierte. Nach genau einem Monat erreichten sie eine Anhöhe, von der aus sie die Stadt Kadesch sehen konnten.

Aufmarsch (3)

Die Kampfereignisse, die um Kadesch entbrennen sollten, sind sehr gut dokumentiert, denn nicht nur Ramses II. hat einen Prosabericht mit bildlichen Darstellungen und ein Gedicht der Schlacht verfasst, sondern es gibt auch hethitische Quellen, die die Möglichkeit bieten, die ägyptische Version besser beurteilen zu können.

Der Prosabericht von Ramses nennt das Datum: "5. Regierungsjahr, 3. Monat der Sommerjahreszeit, Tag 9", als das ägyptische Heer am Ostufer des Orontes vorrückt. Ramses und sein Stab marschierten voran, hinter ihnen die erste Division Amun und in einem Abstand von jeweils zehn Kilometern die Heeresgruppen Re, Ptah und Seth. - Und jetzt machte Ramses den ersten strategischen Fehler!

Der Kampf

Ohne auf die zurückhängenden Divisionen zu warten überquerte er mit der Division Amun den Fluss an einer Furt, etwa sieben Kilometer westlich der heutigen Stadt Ribla. Nach der Überquerung wurden zwei Beduinen vom Stamm der Schasu aufgegriffen und dem König vor geführt. In dem erwähnten Prosabericht heißt es:

"Sie sprachen zu seiner Majestät: 'Unsere Brüder, welche zu den Großen des Stammes gehören, der sich jetzt unter dem Feind aus dem Hethiterland befindet, haben veranlasst, dass wir zu Eurer Majestät gekommen sind, um zu sagen: Wir wollen Vasallen des Pharaos sein, den Fürsten aus dem Hethiterland wollen wir verlassen!' Seine Majestät sprach zu ihnen: 'Wo befinden sich eure Brüder, die euch geschickt haben, um mit meiner Majestät diese Angelegenheit zu besprechen?' Da sagten sie zu seiner Majestät: 'Sie sind da, wo der elende Fürst vom Hethiterland ist; der Feind aus dem Hethiterland befindet sich nämlich in Aleppo, nördlich von Zunip und er fürchtet sich aus Angst vor Pharao, südwärts zu ziehen, seit er hörte, dass Pharao nordwärts kommt.'"

An dieser Stelle beging Ramses seinen zweiten Fehler, weil er den Worten dieser Beduinen, die der Hethiterkönig ausgeschickt hatte, um den Gegner in die Irre zu führen, vertraute und die Streitmacht der Hethiter in Nordsyrien, also mehr als 200 Kilometer von Kadesch entfernt, vermutete. Er ahnte nicht, dass Muwatallis mit seiner Armee nur wenige Kilometer östlich von Kadesch lagerte und auf eine günstige Gelegenheit zum Angriff wartete. Im altägyptischen Text heißt es:

"So stand er gerüstet und schlachtbereit hinter Alt-Kadesch, aber seine Majestät wusste nicht, dass sie dort waren."

Also marschierte Ramses an Schabtuna vorbei nach Norden und überquerte den kleinen Nebenfluss des Orontes, el-Mukadiye. Der Text fährt fort:

"Er kam nordwestlich von Kadesch an. Dort schlug das Heer (gemeint ist nur die Division Amun) seiner Majestät am Nachmittag das Lager auf. Seine Majestät nahm Platz auf einem Thron aus Elektron, nördlich von Kadesch, auf der westlichen Seite des Flusses Orontes. Da kam ein Kundschafter, der im Gefolge seiner Majestät war, mit zwei Spionen des Feindes aus dem Hethiterland. Als man sie vorgeführt (und sie - wie die Bilder aussagen - mit Stockschlägen gefügig gemacht) hatte, sagte seine Majestät zu ihnen: 'Wer seid ihr?' Sie sagten: 'Wir gehören zum Fürsten des Hethiterlandes, und er ist es, der uns her kommen ließ, um auszukundschaften, wo Eure Majestät sich befindet.' Darauf sagte seine Majestät: 'Wo ist er, der Feind aus dem Hethiterland? Siehe, ich hörte, dass man sagte, er sei im Gebiet von Aleppo, nördlich von Tunip.' Da sagten sie zu seiner Majestät: 'Siehe, der Fürst aus dem Hethiterland hat Stellung bezogen mit zahlreichen Ausländern, die in seiner Begleitung sind und die er als Streitmacht mitgebracht hat (es folgt die Nennung der sechszehn alliierten Länder). Sie sind zahlreicher als der Ufersand. Siehe, sie stehen gerüstet, um zu kämpfen, hinter Kadesch.'"

Nunmehr ruft Ramses seine Befehlshaber und erklärt ihnen die neue Lage. Noch während dieser Besprechung marschierten die Fuß- und Streitwagentruppen des Gegners über eine Furt des Orontes südlich von Kadesch und griff die 2. Division Re an, welche den Orontes überschritten hatte und östlich von Schabtuna vorbeigezogen war. Die Truppen flohen in nördlicher Richtung auf die Division des Pharaos zu.

Hethiterangriff (3)

Der Angriff der Hethiter auf die Division Re

Flucht der Ägypter (3)

Auflösung und Flucht der Division Re
nach Norden

Das Ende der Schlacht

Somit befand sich Ramses in einer fast ausweglosen Lage: Er selbst mit seinen Gefolgsleuten waren umzingelt, die 2. Division Re war in alle Winde zerstreut und auf der Flucht, während die 3. Heeresgruppe Ptah noch weit entfernt war und nichts ahnend dabei war, den Orontes zu überqueren. Die Division Seth war noch weiter weg im Wald von Labwi.

Ramses und einige getreue Soldaten leisteten den hethitischen Streitwagentruppen erbitterten Widerstand. Dem Hethiterkönig Muwatallis, der die militärische Aktion selbst leitete, schien der vollständige Sieg schon sicher zu sein, als im letzten Augenblick von Westen her jene ägyptische Eingreiftruppe erschien, welche über die palästinensische Küstenstraße marschiert war. Zwar gelang es dieser Truppe nicht mehr, die Schlacht umzukehren, doch konnte sie den ägyptischen König aus seiner hoffnungslosen Lage unverletzt befreien und die Ägypter suchten dann ihr Heil in der Flucht. König Muwatallis setzte den Flüchtenden nicht nach, sondern kehrte mit seinen militärischen Einheiten auf das Ostufer des Orontes zurück. Noch in der gleichen Nacht sammelte Ramses seine angeschlagenen Heeresgruppen Amun und Re südlich von Schabtuna und vereinigte sich mit den an der Kadeschschlacht nicht beteiligten Divisionen Ptah und Seth.

Division Amun (3)

Die umzingelte Division Amun

Befreiung (3)

Die Eingreiftruppe befreit Ramses II

Am nächsten Morgen erhielt Ramses einen Brief vom Hethiterkönig, der vermutlich die Aufforderung enthielt, sich einer neuen Schlacht zu stellen. Das Gedicht von Ramses vermittelt aber einen anderen, für die ägyptische Nachwelt angenehmeren Inhalt des Briefes, dass nämlich der geschlagene Muwatallis vom siegreichen Ramses den Frieden erbeten habe. Mit Sicherheit hätte eine offene Feldschlacht die vollkommene Vernichtung der Ägypter zur Folge gehabt, da die Überlegenheit der Hethiter erdrückend war. Also bewies Ramses politischen Weitblick, schonte sein Heer und trat einen geordneten Rückzug an. Der Kleinstaat Amurru ging wieder an die Hethiter, Muwatallis setzte dessen König Bentesina ab und ernannte Sabili zum neuen Herrscher.

Die Niederlage von Kadesch wurde in Ägypten zu einem grandiosen Sieg und Triumph des Königs Ramses verklärt. So liest man im Schlachtbericht:

"Er achtete nicht auf die fremde Übermacht, sondern er sah sie an als ein Nichts. Seine Majestät drang in die Streitmacht des Feindes aus dem Hethiterland und der zahlreichen Länder, die mit ihm waren. Seine Majestät war wie Seth, der Mächtige an Stärke, er war wie Sachmet in den Augenblicken ihrer Wut. Seine Majestät metzelte die Streitmacht des Hethiterlandes insgesamt nieder, zusammen mit ihren großen Fürsten und all ihren Brüdern, ebenso wie all die Fürsten jeglicher Fremdländer, die mit ihm gekommen waren. Ihre Fuß- und Streitwagentruppen fielen auf ihre Gesichter, einer über den anderen. Seine Majestät tötete sie an ihren Plätzen, und sie lagen hingestreckt vor seinen Pferden. Seine Majestät aber war allein, niemand war in seiner Begleitung."

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