Der Schöpfungsmythos
Anmerkung: Gerade die ägyptische
Mythologie ist sehr vielfältig. Es gibt in der Zwischenzeit
viele Informationen auf den verschiedenen Webseiten,
die vielleicht eine andere "Version" darstellen.
Dieses sind keine falschen Informationen, sondern
sie sind genau so richtig, wie die Mythologie, über
die ich hier schreibe. Auch die Namen der Götter variieren
aus dem gleichen Grunde. Dabei will ich mich nicht
"verzetteln" und beschränke mich auf die
Darstellung der Mythologie von Heliopolis. Zur Information:
Unter den Vorstädten Kairos im Nordosten liegen die
Ruinen von Onu (Stätte des Pfeilers), einst eines
der wichtigsten und ältesten Heiligtümer Ägyptens.
Dem griechischen Dichter Herodot war dieser Ort als
Heliopolis, die Sonnenstadt, bekannt und er besuchte
diese Gegend im 5. Jahrhundert v. Chr. - also mehr
als zweitausend Jahre, nachdem man an den dortigen
Altären zu opfern begonnen hatte. Die Gelehrten der
Reichseinigungszeit (etwa 3000 v. Chr.) begannen hier
mit der Ausarbeitung einer Kosmologie, die die elementaren
Aspekte ihres Universums erklärt und in dem bedeutenden
Beitrag zu den Pyramidentexten der V. und VI. Dynastie
gipfelt.
Die ägyptische Mythologie der Götter von Heliopolis
1. Nu – oder Nun
Vor Anbeginn der Zeiten und der Entstehung eines
strukturierten Kosmos, war nichts als ein grenzenloser,
unbelebter Ozean in der Finsternis. Diese unendliche
Wasserfläche bezeichnete man als das Urgeschöpf Nu
– oder Nun. Zwar wurden Nu zu Ehren keine Tempel errichtet,
jedoch symbolisiert in vielen Kultstätten ein heiliger
See den chaotischen Zustand des „Nicht-Seins“ vor
der Schöpfung (s. z.B. die Tempelanlage von Karnak).
Zu den Grundängsten der alten Ägypter gehörte es,
Nu könne durch den Himmel herabstürzen und die Erde
überfluten. Diese Angst vor der katastrophalen Zerstörung
wird im Spruch 1130 der Sargtexte angedeutet:
"Hügel werden zu Städten werden und Städte zu
Hügeln, und Häuser werden Häuser zerstören."
Nur die in Schlangen verwandelten Götter Atum und
Osiris "welche die Menschen nicht kennen und
die Götter nicht sehen" werden diese Götterdämmerung
überleben.
2. Atum - oder Amun

Atum ist der Herrscher von Heliopolis und Herr über die Grenzen
des Himmels. Er ist der Weltschöpfer, der am Zeitbeginn aus
Nu aufsteigt und alle Elemente des Universums erschafft.
Atum verkörpert als Sonnengott in der Mythologie
die Monade, das höchste Wesen und die Gesamtheit aller
Elemente und Naturkräfte. In ihm sind auch bereits
alle nach ihm kommenden Gottheiten enthalten.
Wie aber sollte es diesem männlichen Schöpfer gelingen,
für Nachkommenschaft zu sorgen?
Die Erfindungskraft der heliopolitanischen Theologen
bildeten zwei Überlieferungen:
a) Im Spruch 527 der Pyramidentexte heißt es: „Seinen
Phallus greifend, ergoss er sich, um die Zwillinge
Schu und Tefnet zu gebären."
Also gebar Atum seine Nachfolgeschaft durch Masturbation.
b) In einem Papyrus im Britischen Museum wird Atum
als der Gott bezeichnet, der "Schu hervornieste
und Tefnet ausgespieen" hat.
Auszüge aus dem "Papyrus Bremner-Rhind"
erklären die schöpferische Zeugungsgeschichte zusammen:
Alle Wesenheiten erhielten ihr Dasein, nachdem ich
erschienen war... kein Himmel war und keine Erde...
Ich ganz allein erschuf jedes Geschöpf... das erste
wurde mein Weib... Ich kopulierte mit meiner Hand,
und Schu entsprang meinem Niesen.... Tefnet spie ich
aus.. Dann zeugten Schu und Tefnet Geb und Nut...Geb
und Nut zeugten Osiris, Seth, Isis und Nephthys...
die schließlich Bewohner der Insel hervorbrachten."
3. Schu und Tefnet
Die beiden ersten von Atum erschaffenen Gottheiten
sind Schu und Tefnet. Auf Vignetten des Totenbuches
erscheint Schuh mit hochgereckten Armen, den Leib
der Himmelsgöttin Nut stützend. Nut wiederum spannt
sich in hohem Bogen über ihren Gemahl Geb (die Erde).
Tefnet wird nie eindeutig kategorisiert. Einerseits
bestätigen die Pyramidentexte sie zu "Feuchtigkeit"
oder "Tau", andererseits wird sie auch als
die Atmosphäre der Unterwelt bezeichnet. Bemerkenswert
ist jedoch ihre enge Verbindung zum Sonnengott: als
seine Tochter wurde sie mit dessen allmächtigem Sonnenauge
gleichgesetzt.
4. Geb und Nut
Beide
werden auf natürlich Art und Weise von Schu und Tefnet gezeugt.
Die Ägypter verstehen die Erde als männliches und den Himmel
als weibliches Prinzip.
Geb – der Erdgott – personifiziert das Land Ägypten
und stellt das Bindeglied zwischen dem Land und dem
Thron des regierenden Pharao dar.
Nut wurde zu einer der meist dargestellten Gottheiten.
Anfangs liegt ihr Leib über dem Geb’s (siehe unter
Punkt 3.). Nachdem sie ihm jedoch vier Kinder geboren
hat, wird sie auf Weisung von Atum durch Schu von
ihrem Gatten getrennt. Jetzt befindet sich über ihr
Nu und das "Nicht-Sein".
Wir sagen, die Sonne geht im Osten auf und im Westen
unter. Die alten Ägypter sahen es "bildlicher":
Die Reise des Sonnengottes am Firmament verläuft
entlang der Unterseite des Leibes Nu’s, der sich in
hohem Bogen wölbt. Nach Ablauf von 12 Tagesstunden
erreicht der Sonnengott den westlichen Horizont und
wird von der Himmelsgöttin verschlungen.
In den Nachtstunden durchläuft er den Leib der Göttin
in umgekehrter Richtung und wird bei Tagesanbruch
im Osten von ihr wiedergeboren inmitten des bei seiner
Geburt vergossenen Blutes (Morgenrot) erscheint der
Sonnengott allmorgendlich erneuert und verjüngt am
Himmel.
5. Osiris, Seth, Isis und Nephthys
Nut und Geb zeugen vier Kinder. Diese Götter fungieren
als Bindeglied zwischen den alten, kosmischen Gottheiten,
der Enneade, und der politischen Welt.
Diese vier Nachkommen Nut und Geb’s symbolisieren
den ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, der auf den
einmaligen Schöpfungsakt Atum’s folgt. Gleichzeit
wird durch diese vier Götter aber auch die sogenannte
„Neunheit“ vervollständigt.
Die Bilder zeigen von links nach rechts: Osiris,
Seth, Isis und Nephthys.
Es bleibt zu bemerken, dass der Name des Sonnengottes
variiert. Für die, die ihn vielleicht unter den Namen
Re, oder Ra, oder auch Aton kennen, haben ebenso recht.
Das Wort "Re" ist ein Grundbegriff für "Sonne",
der sowohl die materielle Präsenz am Himmel, als auch
den Namen des Sonnengottes "strahlend in seiner
Scheibe" meint.
Der Kern der heliopolischen Mythen wird jedoch durch
diese Mannigfaltigkeit der Erscheinungen keineswegs
beeinträchtigt, denn jede von ihnen umfasst nur einen
ganz bestimmten Aspekt des Sonnen- und Schöpfungsgottes. |